Archiv für Reinhard Fendrich

25. Januar Sonntag 1987

Veröffentlicht in Tagebuch mit Tags , , , , , , , , , am Juli 17, 2008 von lilsister

Ich sitze auf meinem Bett und höre endlich wieder einmal Fendrich. Eigentlich treibts mich nicht so wie sonst zum Schreiben. Was soll ich bereichten? Dass ich letzte Woche und auch vorher kaum einen Abend daheim und zu normaler Zeit im Bett war? Von der strengen Schule, den bald abgeschlossenen Vorbereitungen zum Kirchensonntag, vom Freitagabend, von heute?

Am meisten bewegt mich im Moment noch immer der gleiche Schmäh. Ich habe keine Ahnung, wie er zu mir steht. Entweder bin ich ihm gleichgültiger als jede, oder er hat Angst wie ich. Gestern hat mir Mutter mit ihrem Reden wieder Hoffnung gemcht. Hoffnung möchte ich aber nicht. Es wäre so einfach, ihn einfach von weitem zu beobachten. Aber ich muss nun mal mit ihm Kontakt haben. Und stets mache ich es falsch. Mit jedem kann ich reden, aber bei ihm trau ich mich fast nicht, wegen dem falsch machen.

Auf jeden Fall ist und bleibt er ein Schatz. Was er auch tut und sagt, er gefällt mir. Ski fährt er schön (18.1. Kleine Scheidegg), aber erst seit der 9. Klasse. Damals war er so müde, dass er dauernd stürzte. Vorgestern hat es ihn nun so genommen, dass man ihn, wäre die Bindung nicht auf, hätte „zusammenlesen“ müssen. Das ganze Gesicht hat er verkratzt, nach ihm, weil er mir zu Nahe getreten sei… Ach ja, gesehen habe ich ihn drum gestern Abend beim Jugendmusik-Konzert und weiss jetzt nicht, wie ich es bis zum Donnerstag aushalten soll.

Lassen wir es. Bin verliebter denn je. Schade, dass nichts werden kann.

PS. Träume schon von ihm.

13. Dezember Samstag 1986

Veröffentlicht in Tagebuch mit Tags , , , , , , am Juli 14, 2008 von lilsister

Ein herrlicher Brief von Monsieur (mein Gastgeber beim Sprachaufenthalt in Frankreich) und der Besuch unserer Verwandten machen diesen Tag doch noch gut. Aber kaum ist das Haus wieder leer, kommt wieder diese bleierne Müdigkeit über mich.

Ich möchte alles sehen, erleben, fühlen.
Die Kälte Russlands, den Sand der arabischen Wüste, die Prärien, die grossen Wälder, die wilden Flüsse….
Warum braucht es Geld, um gute Träume zu verwirklichen?

Ich könnte dann schreiben, berichten und so mit all den anderen etwas Kleines für die Welt tun.
Aber ein Self-made-girl bin ich nicht.

Und Tiere sollten in meinem Leben sein. Grosse, schwierige Hunde, sanfte, markante Pferde, schöne Katzen und wilde Tiere, aber freie! (Couleur troi ist zwischen 94 + 96)

Doch lehns’t mi ab, dann wird der Himmel stinkert werden
und dick und schwarz kunnt über mi die lange Nacht…
dann flieg i hi, dann hauts mi wieder einmal um
und i zerbrösel wie ne Gläsel an der Wand…
Reinhard Fendrich

12. Dezember Freitag 1986

Veröffentlicht in Tagebuch mit Tags , , , , , , , , , , , , am Juli 13, 2008 von lilsister

Mein Problem ist ein kleines und besteht eigentlich darin, dass ich ein grosses daraus mache, wofür ich mich schäme.

Es ist, dass ich nichts Aussergewöhnliches bin. Ich war ein unangenehmes Kind, eine schlechte bis mittelmässige Primarschülerin, kam mit den schlechtesten Resultaten knapp und spät in die Sekundarschule, war dort eine mittelmässige Schülerin, kam dann durch eine nette Empfehlung an eine mittelmässige (Mittel-)Schule, wo ich jetzt mittelmässige bis schlechte Noten heimbringe.

Später werde ich, hoffe ich, Buchhändlerin werden, ein sehr mittelmässiger Beruf, und ich werde wohl nur eine mittelmässige Buchhändlerin werden, da mir der nötige Ehrgeiz und Geschäftssinn fehlt.

Ich bin weder für das Lehrerseminar, noch das Gymnasium geeignet, werde keine Matura machen und nie studieren. Auch eine Sportskanone bin ich nicht.

Ich bin ein Misserfolg meiner Eltern, die doch eigentlich vielversprechend sind, und das was für mich wichtig ist, das ich unternehme, misslingt.

Ich könnte versuchen zu sein, was ich nicht bin: eine fleissige, gute Schülerin. Und Geld für Kleider zur neuen Rolle ausgeben. Aber dann geht mein ich drauf, und es wird mehr schmerzen als letztes mal, als ich mich nach der Sekundarschule anpasste, mich „positiv veränderte“. Damals bekam ich Lob, was vieles aufhob.

Aber ich möchte gerne ich sein. Und ich fürchte, lange könnte ich die Rolle gar nicht spielen. So, wie es mich neben B. (Schulkollegin) verjagt hat, weil wir ja wirklich nicht zusammen passen.

Aber eben: andere Mädchen fürchten, dass ihr Vater die geliebte Stelle verliert, oder wollen nicht mehr heim, weil dort nichts mehr geht, wie es sollte. Deshalb schäme ich mich, dass ich mich so weggegeben habe, heule.

Ich bin es nicht wert, dass die Eltern sich nerven. Ich habe es ja gut, bin gesund, werde wahrscheinlich ein Leben aufbauen können.

Trotzdem wäre es schön, wenn es jemanden gäbe, der mich noch verstehen würde, z.Bsp. warum ein Lehrerproblem ein Problem ist.

Über Kleinigkeiten möcht i reden…
du hörst mir zue, als ob sie wichtig wärn.

Reinhard Fendrich

Und ich habe beim Orangen essen so fest an Lob für Gott gedacht. Und ich hoffe, er wird mir wieder auf die Beine helfen. Aber Menschen brauchen Menschen, nicht wahr?

Auch zur Welt allgemein wär’s schön, mal etwas hoffnungserweckendes zu hören.

„Sturm“ ist wohl der beste Ausdruck für mich.