12. Dezember Freitag 1986
Mein Problem ist ein kleines und besteht eigentlich darin, dass ich ein grosses daraus mache, wofür ich mich schäme.
Es ist, dass ich nichts Aussergewöhnliches bin. Ich war ein unangenehmes Kind, eine schlechte bis mittelmässige Primarschülerin, kam mit den schlechtesten Resultaten knapp und spät in die Sekundarschule, war dort eine mittelmässige Schülerin, kam dann durch eine nette Empfehlung an eine mittelmässige (Mittel-)Schule, wo ich jetzt mittelmässige bis schlechte Noten heimbringe.
Später werde ich, hoffe ich, Buchhändlerin werden, ein sehr mittelmässiger Beruf, und ich werde wohl nur eine mittelmässige Buchhändlerin werden, da mir der nötige Ehrgeiz und Geschäftssinn fehlt.
Ich bin weder für das Lehrerseminar, noch das Gymnasium geeignet, werde keine Matura machen und nie studieren. Auch eine Sportskanone bin ich nicht.
Ich bin ein Misserfolg meiner Eltern, die doch eigentlich vielversprechend sind, und das was für mich wichtig ist, das ich unternehme, misslingt.
Ich könnte versuchen zu sein, was ich nicht bin: eine fleissige, gute Schülerin. Und Geld für Kleider zur neuen Rolle ausgeben. Aber dann geht mein ich drauf, und es wird mehr schmerzen als letztes mal, als ich mich nach der Sekundarschule anpasste, mich “positiv veränderte”. Damals bekam ich Lob, was vieles aufhob.
Aber ich möchte gerne ich sein. Und ich fürchte, lange könnte ich die Rolle gar nicht spielen. So, wie es mich neben B. (Schulkollegin) verjagt hat, weil wir ja wirklich nicht zusammen passen.
Aber eben: andere Mädchen fürchten, dass ihr Vater die geliebte Stelle verliert, oder wollen nicht mehr heim, weil dort nichts mehr geht, wie es sollte. Deshalb schäme ich mich, dass ich mich so weggegeben habe, heule.
Ich bin es nicht wert, dass die Eltern sich nerven. Ich habe es ja gut, bin gesund, werde wahrscheinlich ein Leben aufbauen können.
Trotzdem wäre es schön, wenn es jemanden gäbe, der mich noch verstehen würde, z.Bsp. warum ein Lehrerproblem ein Problem ist.
Über Kleinigkeiten möcht i reden…
du hörst mir zue, als ob sie wichtig wärn.
Reinhard Fendrich
Und ich habe beim Orangen essen so fest an Lob für Gott gedacht. Und ich hoffe, er wird mir wieder auf die Beine helfen. Aber Menschen brauchen Menschen, nicht wahr?
Auch zur Welt allgemein wär’s schön, mal etwas hoffnungserweckendes zu hören.
“Sturm” ist wohl der beste Ausdruck für mich.