23. November Sonntag 1986
Eifersucht. Bei mir schon richtig auffällig: Ich bin eifersüchtig auf die besser benotete Schulkollegin, auf jedes Mädchen, das sich einen Freund angelt, ohne jede Hemmung, auf jedes glückliche Paar, und vor allem auf jedes Mädchen, das neben ihm sitzen darf.
Theater Weekend vom 22. bis zum 23.11.86
Ich habe ihn oft gesehen, war oft mit ihm zusammen. Er ist nett, kümmert sich um einen… aber eben: es ist sein Ziel, ein Kavalier zu sein, er kümmert sich also um jede. Wenn kein Stuhl frei ist, nimmt er einen auf den Schoss, im Dunkeln bietet er den Arm… Der Satz, den er mich stenographieren liess, war eigentlich eine Gemeinheit. (Schön wär’s, wenn’s keine wär!) Ich weiss einfach nie, wie reagieren, wie auslegen.
Überhaupt habe ich an dem Weekend nicht viel Durchsetzungskraft und anderes Positives gezeigt. Interessante, intelligente junge Leute kamen da zusammen. Eine Ansammlung von „Aussenseitern“? Er ist einer. Lauter flotte Burschen, vielleicht hübschere. Aber ich höre seine Stimme, sehe sein Bild und überhaupt. Nichts mehr zu machen. Ich will ja nicht romantisch werden.
Auf jeden Fall will er wohl kaum was von mir, und traurig hat mich gemacht, als er sagte, bei ihm daheim rede man nicht mehr miteinander. Überhaupt, was diese Kinder/Jungendlichen für Sorgen haben, ich sollte mich dagegen direkt schämen. Aber ich denke, aufschreiben ist nicht die dümmste Art, sich abzureagieren. Und leugnen kann ich auch nicht, dass ich an ihn denke, so oft, wie noch kaum an jemanden.
Er ist kein einfacher Junge, schwierig zum auskommen, ich weiss nicht, wie es wäre, mit ihm über alles reden zu können. Das wünsche ich mir ja. Aber eben: wir alle spielen, voreinander, vor uns selbst. Nur keine Blösse geben.
Er ist interessant. Wie erobert man bloss einen Jungen? Wenn ich doch jemaden fragen könnte. Bin ich eigentlich total gestört, dass ich keine Ahnung habe, keinen Instinkt für sowas?
Ich denke zu sehr an mich. Was würde ich ihm bringen? Er kann auch mit niemandem reden (ich könnte ja, aber ich tu’s nicht. Ich will nicht verletzbar werden), glaube ich. Aber wir haben doch vielleicht kaum Gemeinsamkeiten? Und das Theater, die beiden Kinofilme und die Jugendgruppe?
Ein endloses Spiel… um nichts. Denn dass ich je einen Freund haben werde, glaube ich selbst nur noch in den kitschigsten Träumen.