26. März Mittwoch 1986
So ein deprimierender Abend heute!
Mutter lag auf der Couch, ich sass im Armstuhl und Vater ging hin und her in der Stube. Mutter begann von Herr H. zu erzählen, der Jäger ist und für 3 Wochen auf Kanada reise um Bären zu jagen (ca. 1000.- das Stück) und zu fischen. Ich interessierte mich, weil ich gerade über „Grosswildjagd“ in Südafrika gelesen hatte, und natürlich wegen Joe. Vater war auch interessiert und sagte dann, wie doch andere Leute solche Ferien machen könnten, worauf Mutter todunglücklich wurde und sagte, er sei so gemein. Sie habe ihm doch vom Geld, welches sie im Altersheim verdient hat, Norwegen zahlen helfen wollen. Und er sei dann nicht gegangen. Er sagte, sie wolle eben immer für ihn schauen, dabei könne sie doch nicht wissen, was er wolle. Und als sie auf die Wohnung kam, die er doch verkaufen solle, sagte er, er sei nicht an diese Wohnung gebunden, er sei an anderes gebunden als andere Leute. Auch auf meinen ef-Kurs (Sprachaufenthalt in Frankreich) kam Mutter und Vater meinte, am Schluss hätten dann alle ein schlechtes Gewissen. Ich mischte mich natürlich ein und behauptete, wenn er wollte, könnte er ja auch von seinem Lohn Ferien machen, wir hätten uns dann halt einzuschränken. Mutter wollte natürlich sogleich im Altenheim den ganzen Tag arbeiten und behauptete, wir brauchten nicht sie. Mit trieb das Ganze die Tränen in die Augen, weil man doch aus solchen Nebensächlichkeiten heraus in die blödesten Themen hinein rutsch und am Schluss wurde die Stimme grauenhaft deprimiert: wir schwiegen, starrten vor uns hin, Vater ging hin und her.
Schliesslich sagte Mutter, noch mit Tränen in der Stimme, sie wolle ins Bett, ich solle doch die Katze füttern, dass sie von ihr runter gehe.
Der Tag war nicht so schlimm. Letzter Schultag, letzter Tag Kochkurs mit Frau S. – die zum Vornamen wie ein Gewürz auf Holländisch heisst. Eine herrliche Person. Sehr schlank, in engen, schwarzen Hosen, mit schwarzen Pumps, weiten, schönen Pullis. Sie hat dunkle, gerade Haare, etwas wie eine wilde Rundschnittfrisur (mit Fransen), dunkle Augen und so ein reizendes, irgendwie immer verlegenes Lachen. Wenn sie so vor uns stand, die Hände in den Hosentaschen, irgendwie schon nicht ganz Lehrerin (=selbstsicher), wirkte sie so jung, wie sie ist. Endlich verstehe ich mehr vom Nicaragua-Problem, das mir bisher viele Rätsel bot. Sie war 4 und 6 Monate dort, erzählt nur, was sie wirklich weiss. Möchte mehr wissen, damit sie Probleme meistern kann (hatte Gelbsucht). Sie baute Häuser in Nicaragua. In ihrer ganzen Art ist sie, obwohl so jung (oder wegen?) etwas wie ein Vorbild für mich: so möchte ich es auch machen. Direkt an Schauplätze gehen, Betroffene kennen lernen, mich nicht auf anderer Leute Beobachtungen beschränken müssen.
Am Nachmittag war Reiten. Beim Galopp habe ich Rico fast das Maul verrissen. Es ging aber (für mich). Geht seine Liebe wirklich nur durch den Magen? Ich gebe fast nie etwas. Am Schluss habe ich fast alleine die Hufe gewaschen, geschmiert und ihn hineingeführt. Leider war er nur ungenügend geputzt (durchgebürstet). Haarwechsel…
Ich war schon um 17.00 Uhr daheim. Las Janina Davids Bücher „Ein Stück…“ Für mich ist Janina ein Spiegel. Ich bin nicht sie, doch Gedanken, Gefühle, Erlebnisse und Phasen gleichen sich. Ich möchte das Buch, das nur einen Fehler hat, nämlich, dass es aufhört, U. (meiner Lieblingscousine) geben. Aber ob sie Zeit dazu hat im Tessin? Ich glaube, auch für sie könnte Janina einiges bedeuten. (Ihr möchte ich einen Fortsetzungsroman ins Tessin senden. Ob’s gut kommt?) Ich war so gespannt, wie Janina wohl sein würde, wenn sie älter wäre als ich… doch genau im 18. Jahr hört das Buch auf. Keine Tips für mein Erwachsenwerden und -leben… Jeder muss halt seinen Weg allein suchen.
Wegen Janina habe ich heute Tagebuch geschrieben. Ob es wieder laufen wird? Schön wär’s. (Schreiben wie sie kann ich aber noch lange nicht!)